©Pritu Detemple
Folge 9: Anpacken statt Abwarten
August-Wilhelm Scheer über Unternehmertum, Innovation und die Stärke des Mittelstands
[Frank Thomé]
Willkommen zu Deep Dive Wirtschaft, Trends, Technologien und Transformationen im Saarland. Mein Name ist Frank Thomé, und ich bin der Hauptgeschäftsführer der IHK des Saarlandes. Auch heute habe ich wieder einen ganz besonderen Gast in meinem Podcast. Er ist ein Pionier der Wirtschaftsinformatik, Vordenker und einer der prägenden Köpfe der deutschen Wirtschaft. Dabei vereint er viele Facetten in einer Person: Wissenschaftler, Unternehmer, Politikberater, Musiker – kurzum, ein Macher mit Sinn für Timing, Takt und Teamplay. Und bei alledem hat er einen bemerkenswert klaren Blick für das Wesentliche – die Dinge einfacher, schneller, besser zu machen.
Und genau deshalb sprechen wir heute darüber, was ihn antreibt, wo er die größten Hebel für unseren Wirtschaftsstandort sieht und welche Rolle dabei Innovation, Technologie und Unternehmergeist spielen. Ich bin sehr gespannt und freue mich auf das Gespräch mit Professor Doktor August-Wilhelm Scheer. Ganz herzlich willkommen zum Deep Dive Wirtschaft.
[August-Wilhelm Scheer]
Ja, vielen Dank. Ich bin gern hier.
[Frank Thomé]
Lieber Herr Professor Scheer, ich habe Sie gerade mit den verschiedenen Rollen in Ihrem Leben vorgestellt. Wenn Sie jetzt mal in sich hineinhören – welche dieser Rollen fühlt sich denn gerade am stärksten für Sie an?
[August-Wilhelm Scheer]
Die stärkste Rolle ist natürlich die des Unternehmers. Hier habe ich die größten Risiken – nicht nur finanzieller Art, sondern auch in Bezug auf die Verantwortung gegenüber vielen Menschen. Das beschäftigt mich beinahe Tag und Nacht, lässt mich manchmal gut schlafen, manchmal weniger gut. Aber die anderen Rollen nehme ich auch gern an, und sie beeinflussen sich gegenseitig. Alle bieten Herausforderungen, aber auch Fähigkeiten, die man jeweils gut in den anderen Rollen einsetzen kann.
[Frank Thomé]
Auf Ihre Rolle als Unternehmer werden wir gleich noch einmal etwas tiefer eingehen. Aber jetzt mal rückblickend – nach Jahrzehnten voller Erfolge: Was ist es eigentlich, was Sie noch antreibt, wenn Sie morgens aufstehen?
[August-Wilhelm Scheer]
Ich merke das gar nicht – ich brauche nicht angetrieben zu werden. Ich mache einfach das, was ich machen muss oder was ich gern tue. Natürlich gibt es im unternehmerischen Umfeld Auf- und Abbewegungen, aber im Prinzip führe ich ein aktives Leben, so wie in den letzten dreißig, vierzig Jahren. Ich sehe da keinen Bruch. Nur weil ich ein bestimmtes Alter erreicht habe, denke ich nicht darüber nach, ob ich mein Leben anders gestalten sollte. Mein Leben ist ein Kontinuum – ich tue, was ich tue.
[Frank Thomé]
1979 haben Sie das berühmte IWI – das Institut für Wirtschaftsinformatik – hier gegründet, damals noch als sogenanntes An-Institut der Universität, und Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, Wirtschaftsinformatik in Deutschland groß zu machen. Wie können wir uns die Situation von damals vorstellen? Wie viel war wissenschaftliche Vision, wie viel war auch Kampf um Anerkennung – gerade bei anderen Disziplinen der Wirtschaftswissenschaften oder der Informatik?
[August-Wilhelm Scheer]
Ich bin 1975 nach Saarbrücken gekommen, und 1979 entstand dann das Institut. Das war im Prinzip nur eine andere Bezeichnung, ich habe weiterhin dasselbe gemacht. Eine neue finanzielle Unterstützung gab es dadurch nicht. Ich habe von Anfang an versucht, Drittmittel einzuwerben – also Forschungsanträge bei Förderorganisationen zu stellen, um Ressourcen zu bekommen und größere Forschungsprojekte angehen zu können. Der Lehrstuhl selbst war von Universität und Land nicht so ausgestattet, dass man damit etwas Größeres hätte aufbauen können – das war ja ein neues Fach, und neue Fächer werden in der Regel anfangs nicht mit vielen Ressourcen versehen.
Die Anerkennung – die war zunächst eine lokale Herausforderung. Die Wirtschaftswissenschaften in Saarbrücken waren damals in Deutschland führend. Die volkswirtschaftlichen Kollegen saßen in Sachverständigenräten, die betriebswirtschaftlichen Kollegen waren Spitzenwissenschaftler. Und ich war 33 Jahre alt, als ich hierherkam. Da musste ich erst einmal sehen, wie ich hier Fuß fasse. Ich habe Bücher geschrieben – das macht man, wenn man in der Wissenschaft auf sich aufmerksam machen will. Und auch ein bisschen frech: Das erste Buch habe ich EDV-orientierte Betriebswirtschaftslehre genannt. Damals war der Begriff EDV noch gebräuchlich, nicht Informationstechnik. Ich hatte schon damals den Anspruch, dass sich das große Fachgebiet der Wirtschaftswissenschaften durch den Einfluss der Informationstechnik ändern muss.
Vieles, was ich mir damals überlegt habe, ist später tatsächlich eingetreten. Heute sind die Fächer der Betriebswirtschaftslehre – ob Rechnungswesen, Marketing, Vertrieb oder Produktion – ohne Informationstechnik gar nicht mehr vorstellbar. Diese Technologie hat das Fachgebiet, aber auch viele andere Disziplinen wie Ingenieurwissenschaften oder Medizin, total verändert.
[Frank Thomé]
Ich kann mich noch an meine eigene Zeit als Student bei Ihnen erinnern. Wir haben das Wissen damals aufgesogen, und wenn ich mich richtig erinnere, hatten Sie montagmorgens Vorlesungen – und wir waren alle da, das heißt schon was. Jetzt kann ich mich erinnern, dass in Deutschland noch recht lange – sogar bis über die Jahrtausendwende hinweg – die Grundüberzeugung herrschte, dass wir gar keine so starke IT-Branche brauchen, weil wir ja in den klassischen Industrien so stark sind. Wie haben Sie das damals empfunden?
[August-Wilhelm Scheer]
Als ich 1975 nach Saarbrücken kam, gab es in Deutschland vielleicht zehn bis fünfzehn Unternehmen, die Computer bauten – also richtige Hardwarehersteller. Siemens gehörte dazu, Philips, Triumph und einige andere. Dieses ganze Gebiet ist aus Deutschland verschwunden. Was wir gerettet haben, ist die betriebswirtschaftlich orientierte Anwendungssoftware – und die wird durch SAP repräsentiert.
Warum das so war, lag nicht daran, dass die Betriebswirtschaftslehre in Deutschland besonders stark ausgebildet war. Keiner der SAP-Gründer war Betriebswirt – das waren ein Mathematiker, ein Physiker, ein Elektrotechniker, ein Ingenieur. Das war genau der richtige Ansatz: Nicht schulmäßig nachmachen, was für eine andere Zeit gedacht war, sondern die Probleme durch Informationstechnik neugestalten.
Der zentrale Unterschied war der Prozessgedanke. Ein Prozess ist eine Abfolge von Funktionen, um ein Ergebnis zu erzeugen – also nicht eine einzelne Funktion, sondern eine Abfolge, die im Zusammenhang gesehen wird. Das war das Neue, was SAP – ich will nicht sagen erfunden, aber durch den engen Kundenkontakt entwickelt hat.
Im Zentrum dieses Ansatzes steht die Idee einer einheitlichen Datenbasis. Vorher gab es Software für einzelne betriebswirtschaftliche Funktionen – Rechnungswesen, Produktion, Vertrieb, Einkauf. Jede hatte ihre eigene Datenversorgung. Aber die Prozesse eines Unternehmens durchlaufen diese Funktionen. Ein Kundenauftrag muss produziert werden, eventuell werden Fremdprodukte eingekauft. Diese Verbindung von Vertrieb, Produktion und Beschaffung – das war der neue Gedanke: Prozesse statt isolierter Funktionen.
Daraus folgt: Wenn die Daten in verschiedenen Funktionssystemen mehrfach gespeichert werden, entstehen Inkonsistenzen. Also braucht man eine zentrale, einheitliche Datenbasis. Das ist die treibende Idee der Softwarestruktur, wie sie SAP und andere ERP-Systeme verkörpern. Und genau diese Idee hat mich angezogen.
[Frank Thomé]
Sie haben SAP genannt – das ist ja eine absolute Erfolgsgeschichte, genau durch die von Ihnen beschriebenen Aspekte. Aber im Grunde haben wir darüber hinaus kaum ein Gegengewicht zu den amerikanischen Hyperscalern wie Meta, Google, Amazon oder Microsoft. Woran liegt das?
[August-Wilhelm Scheer]
Die Namen, die Sie genannt haben, sind alle im B2C-Bereich aktiv – also Business to Consumer. SAP dagegen ist im B2B-Bereich tätig, also zwischen Unternehmen. Und das ist der Graben, der entstanden ist: Wir beherrschen die komplexen Prozesse, die innerhalb und zwischen Unternehmen stattfinden, sehr gut. Aber die starke Kundenorientierung hin zum Konsumenten haben wir in Deutschland nicht im Griff.
Das ist ein Vorteil des amerikanischen Denkens – sehr stark kundenorientiert, sehr stark auf den Konsumenten ausgerichtet zu sein. Das haben die Amerikaner perfektioniert. Und das können wir sicher nicht mehr aufholen, weil die Ressourcen dort mittlerweile über mehrere Innovationswellen hinweg gewachsen sind: von der frühen IT über Cloud-Technologien bis zur aktuellen Entwicklung der künstlichen Intelligenz – und immer mit dem Endanwender im Fokus.
[Frank Thomé]
Ich würde jetzt gerne ein Schlaglicht auf Ihre unternehmerische Perspektive werfen. Der Schritt, als Professor ein Unternehmen zu gründen – mit allen Verpflichtungen und Lehrverpflichtungen – war sicher nicht einfach. Und ich kann mir vorstellen, dass es auch Kritiker gab. Haben Sie damals Gegenwind gespürt?
[August-Wilhelm Scheer]
Wenn ich über eine besondere Eigenschaft verfüge, dann vielleicht über die, dass ich ganz gut Prioritäten setzen und auch loslassen kann. Ich kann gut delegieren – und so konnte ich diese unterschiedlichen Rollen parallel ausfüllen. Ich hätte meine Rolle als Universitätsprofessor ja auch aufgeben und mich ganz ins Unternehmerische begeben können. Das habe ich aber nicht getan, weil ich es spannend fand, beides zu verbinden:
Einerseits konnte ich aus unternehmerischer Sicht beurteilen, was in der Wissenschaft passiert – ob man dort im Elfenbeinturm sitzt oder ob die Entwicklungen nur ihrer Zeit voraus sind, aber später eine praktische Anwendungsnähe haben. Andererseits konnte ich aus der Wissenschaft heraus erkennen, was wohl die nächste Welle sein könnte, die später in der Praxis Akzeptanz findet.
Auch die Studierenden fanden es, glaube ich, gut, dass ich neben dem theoretischen Wissen auch Geschichten erzählen konnte – über die praktische Umsetzung von Ideen und die Zusammenarbeit mit Unternehmen. Ich denke, das war für alle meine Rollen – wissenschaftlich, unternehmerisch und lehrend – sehr fruchtbar.
[Frank Thomé]
Das fand ich damals selbst als Student bemerkenswert. Sie sagten oft: „Die theoretischen Aspekte können Sie in meinen Büchern nachlesen“, und dann erzählten Sie aus der Praxis. Das war faszinierend. Wenn Sie heute zurückblicken: Was waren Ihre mutigsten Entscheidungen? Gab es Momente, die Ihnen schlaflose Nächte bereitet haben?
[August-Wilhelm Scheer]
Die hören ja nicht auf – das gehört zum Unternehmerleben. Man hat den Kopf immer ein Stück weit in der Schlinge. Gegenwind bekam ich auch, vor allem auf der direkten Kollegenebene. Ob da Neid eine Rolle spielte oder Unmut darüber, dass ich nicht an jeder Fakultätssitzung teilnahm – mag sein. Ich war der Meinung, dass ich dort nicht immer etwas beitragen konnte, um die Entscheidungen besser zu machen.
Aber je höher ich in der Hierarchie kam, desto mehr Unterstützung bekam ich. Die Universitätspräsidenten – auch die Präsidentin später – haben mich unterstützt, weil ich der Universität kein schlechtes, sondern eher ein positives Außenimage gegeben habe. Auch in der Politik habe ich im Saarland viel Unterstützung erfahren – keine finanzielle, aber ideelle. Ich wurde als Berater akzeptiert und gern angefragt.
Natürlich hat es mich manchmal geärgert, wenn Kollegen ans Ministerium schrieben, um prüfen zu lassen, ob das, was ich tue, mit dem Universitätsgesetz vereinbar sei. Aber das ist Schnee von gestern. Das Verhältnis zwischen Universität und der Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis hat sich glücklicherweise verbessert. Heute sieht man Unternehmensgründungen aus dem akademischen Umfeld positiv.
Man spricht vom „dritten Weg“ der Universitäten – neben Forschung und Lehre auch der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Und da fühle ich mich wohl. Meine Unternehmen sitzen direkt am Campus auf Universitätsgrund, wir arbeiten eng mit der Hochschule zusammen, auch über ein gemeinnütziges Forschungsinstitut.
Und jetzt ehrt mich die Universität am 17. Oktober dafür, dass ich seit 50 Jahren die Wirtschaftsinformatik hier erfolgreich vorangetrieben habe. Das berührt mich sehr und zeigt mir, dass meine Entscheidung, damals nach Saarbrücken zu kommen, goldrichtig war.
[Frank Thomé]
Wenn man Ihren Werdegang von außen betrachtet, sieht es aus, als könnten Sie alles zu Gold machen. Aber gab es auch Dinge, die nicht geklappt haben – Misserfolge, die man von außen nicht sieht?
[August-Wilhelm Scheer]
Scheitern würde ich es nicht nennen – eher anpassen. Es gibt kein Geschäftsmodell, das am Ende genau so umgesetzt wird, wie man es anfangs geplant hat. Unternehmertum bedeutet Lernfähigkeit, iteratives Vorgehen. Man probiert etwas, merkt, dass es nicht funktioniert, gibt aber nicht auf, sondern entdeckt oft direkt daneben den richtigen Weg.
Ich sage gern: Kolumbus wollte den Seeweg nach Indien finden und landete in Amerika – er hat also etwas ganz anderes entdeckt. Entscheidend war, dass er überhaupt losgefahren ist.
So war es auch bei uns. Viele unserer Produktideen oder Gründungen liefen später in eine andere Richtung als geplant – und das ist völlig normal. Selbst SAPs R/3-System war ursprünglich für den Mittelstand und auf IBM-Plattformen gedacht – am Ende wurde es ein System für Großunternehmen auf Unix- und SQL-Basis.
Das zeigt: Erfolgreiches Unternehmertum braucht Anpassungsfähigkeit. Auch Amazon ist so ein Beispiel – angefangen mit dem Verkauf von Büchern und CDs, heute einer der größten Cloud-Anbieter der Welt. Diese Fähigkeit, sich anzupassen und weiterzuentwickeln, macht Unternehmertum aus. In Deutschland bleiben viele Unternehmen zu lange beim alten Modell, bis es nicht mehr funktioniert – und dann ist es zu spät.
[Frank Thomé]
Anpassungsfähigkeit ist also entscheidend. Wenn wir auf viele aktuelle Start-ups schauen, sehen wir aber, dass ihnen oft die Luft ausgeht, sie an der Skalierung scheitern. Was unterscheidet in Ihren Augen Unternehmen, die groß werden, von denen, die klein bleiben?
[August-Wilhelm Scheer]
Erstens natürlich der Unternehmer selbst – also das Team, das das Unternehmen gründet und führt. Die Zusammensetzung ist entscheidend: unterschiedliche Charaktere, gemeinsamer Wille, Durchhaltevermögen. In jungen Jahren passiert viel – Familie, Partnerschaft, neue Lebensphasen. Wenn im Gründerteam zwei jedes Wochenende arbeiten wollen und drei lieber mehr Zeit mit der Familie verbringen, entstehen Konflikte. Solche banalen Dinge können ein eigentlich erfolgreiches Unternehmen in Schwierigkeiten bringen.
Es gibt viele Gründe, warum Firmen klein bleiben. Eine wichtige Frage ist auch: Will man überhaupt wachsen? Viele sind mit einem mittelgroßen Unternehmen – sagen wir 80 bis 100 Mitarbeitenden – zufrieden. Man kann gut leben, sich etwas leisten, hat Zeit für anderes. Wer aber international aktiv sein und eine größere Rolle spielen will, muss enormen Einsatz bringen – oft auf Kosten von Gesundheit oder Familie. Das muss jeder für sich entscheiden.
[Frank Thomé]
Ich kann mir vorstellen, dass viele Gründerinnen und Gründer immer wieder auch zu Ihnen kommen und Sie viele Gespräche führen. Gibt es eine unbequeme Wahrheit, die Sie jungen Gründerinnen und Gründern immer wieder sagen müssen?
[August-Wilhelm Scheer]
Ja, der Hauptgrund, warum Start-ups scheitern, ist: Sie finden keine Kunden. Viele glauben, sie hätten eine großartige Idee – entwickelt in der Diplomarbeit – und die ganze Welt warte nur darauf. Dann sind sie enttäuscht, dass sie keinen oder nur wenige Kunden gewinnen.
Das setzt sich auch bei der Internationalisierung fort. Wenn der Markt nicht auf ein Produkt wartet, stößt man auf Widerstand. Man muss also lernen, vor dem Markt zu sein – aber nicht zu weit davor. Wenn es das Produkt schon gibt, braucht es kein neues Unternehmen; ist man aber zu früh dran, versteht der Markt die Idee noch nicht.
Man muss die ersten Kunden selbst überzeugen. Ich erinnere mich noch an die Namen der Mitarbeiter bei unseren ersten Kunden – die waren praktisch Teil unseres Entwicklungsteams. Sie dachten wie wir, sie riefen morgens um halb acht an, wenn sie Fehler im Programm gefunden oder neue Funktionen wollten. Das sind die innovativen Kunden, die man am Anfang braucht. Aber sie allein machen noch keinen Markt. Es ist eine Kunst, die Idee zu verbreiten und daraus einen tragfähigen Markt zu entwickeln – und das hängt auch immer ein bisschen vom Glück ab.
[Frank Thomé]
Ja, Glück – aber auch Unternehmergeist. Ich habe oft den Eindruck, dass die Lust auf Unternehmertum und Selbstständigkeit zurückgeht, dass bei vielen jungen Menschen eine gewisse Versorgungsmentalität Einzug hält. Und auch gesellschaftlich ist das Bild des Unternehmers oft negativ konnotiert. In der sogenannten Zöbis-Studie von 2024 wurde in Schulbüchern gezeigt, dass Unternehmer häufig g als profitorientiert und steuervermeidend dargestellt werden. Wie können wir diese Wahrnehmung wieder drehen und Lust auf Unternehmertum wecken?
[August-Wilhelm Scheer]
Lust auf Unternehmertum heißt Lust auf ein selbstbestimmtes Leben – darauf, seine Fähigkeiten voll einzusetzen, Kreativität und Energie auszuschöpfen und Verantwortung zu übernehmen. Das kann man nicht von jedem erwarten. Aber wer sich davon angesprochen fühlt, dem kann ich nur raten: Gehen Sie diesen Weg. Es ist ein tolles Leben.
Diese Selbstbestimmung ist für mich das Wichtigste. Dass das Image in Deutschland so negativ ist, ist ein typisch deutsches Problem. In den USA sind Unternehmensgründer Popstars. Die Garage, in der die Stanford-Studenten Hewlett und Packard mit ihrem Professor ihr Unternehmen gründeten, ist heute ein National Monument.
Auch Deutschland hatte solche Unternehmer: Daimler, Siemens, Bosch – Namen, die für Qualität und Innovation stehen. Natürlich hatten auch sie menschliche Schwächen, wie jeder. Aber sie haben Wohlstand geschaffen und das Leben vieler Menschen verbessert.
Das negative Unternehmerbild kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf – vielleicht auch, weil im Dritten Reich manche Unternehmer schlechte Beispiele lieferten. Davor, in der Gründerzeit des 19. Jahrhunderts, war Unternehmertum positiv besetzt.
[Frank Thomé]
Ein starkes Plädoyer für Unternehmertum – und zugleich ein Denkanstoß. Sie haben auch immer wieder klare wirtschaftspolitische Impulse gesetzt. Wenn Sie auf den Standort Deutschland schauen – was ist aktuell die größte Gefahr: Überregulierung oder mangelnde Investitionsbereitschaft?
[August-Wilhelm Scheer]
Beides, aber die Überregulierung ist das sichtbarste Problem – das wissen inzwischen alle. Es geht beim Datenschutz los und zieht sich durch alle Verordnungen. Sobald
irgendwo „Schutz“ im Begriff steht, muss man vorsichtig sein – man weiß oft gar nicht mehr, wer da eigentlich geschützt wird.
Bleiben wir beim Datenschutz: Mit dieser Haltung werden wir in der KI-Welt nie vorne mitspielen. Uns fehlt außerdem die technische Infrastruktur. In der aktuellen KI-Welle verdienen vor allem die Infrastrukturunternehmen – die Chiphersteller wie Nvidia, die innerhalb kurzer Zeit zu den wertvollsten Unternehmen der Welt aufgestiegen sind, weil sie skalieren können.
Diese Chips werden in riesigen Serverparks gebündelt – dort entsteht enorme Rechenleistung. Auch hier liegen die Amerikaner weit vor Europa. Darauf bauen dann die sogenannten Fundamentalmodelle der KI auf – sie sind die Basis, auf der später konkrete Anwendungen entstehen: KI im Vertrieb, in der Produktion, in der Entwicklung, in der Fertigung.
Das Problem ist: In Deutschland können wir meist nur auf der Anwendungsebene mitspielen, aber nicht bei der Infrastruktur. Und diese Anwendungsbereiche skalieren kaum. Sie sind kleinteilig, mit geringen Renditen – während die Infrastrukturunternehmen Umsatzrenditen von 30 oder 40 Prozent erzielen. In den Nischenanwendungen bleiben vielleicht einstellige Renditen. Das sind Welten.
Wir müssen uns also sehr genau überlegen, wie wir daraus dennoch Vorteile ziehen können – sonst bleiben wir weit zurück.
[Frank Thomé]
Im Endeffekt geht es also um Zukunftsfähigkeit. Ich bin in der Vorbereitung auf ein älteres Zitat von Ihnen gestoßen – aus der FAZ von 2011. Da sagten Sie: „Wir brauchen weniger Villa Hügel und mehr Silicon Valley.“ Was muss passieren, damit wir kein Industriemuseum werden?
[August-Wilhelm Scheer]
Ja, das war die Überschrift in der FAZ, und sie trifft es ganz gut. Wir haben uns zu lange auf den Erfolgen des 20. Jahrhunderts ausgeruht – im Maschinenbau, in der Automobilindustrie – und die neuen Technologien, vor allem die Informationstechnik, zu wenig beachtet.
IT kann man nicht anfassen, sie passt nicht ins ingenieurmäßige Denken. Dadurch wurde sie in vielen erfolgreichen Industrieunternehmen nicht als eigenständiges Produkt gesehen. Software galt nicht als werthaltig, sie wurde teilweise kostenlos mitgegeben – während das, was man physisch anfassen konnte, als seriös galt.
Das ändert sich nun langsam. Manche Maschinenbauer haben IT-Tochterunternehmen gegründet – nicht immer erfolgreich, weil sie eine andere Kultur und andere Produkte haben. Aber Schritt für Schritt wird klar: Autos sind rollende Computer, Maschinen funktionieren ohne IT nicht mehr.
Das ist ein kultureller Wandel, der in den Unternehmen stattfinden muss.
[Frank Thomé]
Richten wir den Blick jetzt auf den Wandel im Saarland. Sie kennen das Saarland so gut wie kaum ein anderer. Ist das Saarland ein unterschätzter Standort, oder sind manche Schwächen einfach selbst verschuldet?
[August-Wilhelm Scheer]
Ich möchte gar nicht über Schwächen reden, sondern finde, dass das Saarland seine Stärken nicht richtig nach vorne bringt. Ich arbeite hier mit Mitarbeitenden zusammen, die seit Jahrzehnten bei mir sind – meine Sekretärin zum Beispiel seit über vierzig Jahren. Solche langjährigen Beziehungen sind außerhalb des Saarlandes kaum noch vorstellbar.
Wir haben hier Hidden Champions, Unternehmer in der Kultur, tolle Musikfestivals – ob Open-Air, Klassik oder Jazz. Wir haben einen Fußballclub, der auf unternehmerischer Leistung basiert. Es gibt also einen starken Spirit. Aber er wird überdeckt durch eine zu starke Politiklastigkeit.
Wir haben eine enge Verflechtung von Großindustrie und Politik. Man sieht das auch in der Besetzung der höchsten Positionen. Man mag hier eher große, mitbestimmte Unternehmen, aber weniger die klassischen Unternehmer. Das ist das größte Problem: Die unternehmerischen Fähigkeiten sind da, aber sie bekommen nicht genug Gehör oder Raum.
Dazu kommt: Man setzt stark auf Ansiedlungen großer Unternehmen – oft durch finanzielle Anreize. Aber wer nur wegen des Geldes kommt, geht auch wieder, sobald es woanders günstiger ist. Gleichzeitig fördert man Start-ups, was ich grundsätzlich begrüße – ich bin ja selbst Gründer. Aber man darf nicht vergessen: Die Ausfallquote bei Start-ups ist sehr hoch.
Das eigentliche Potenzial liegt dazwischen – im Mittelstand, bei den Hidden Champions, die bewiesen haben, dass sie stabil sind. Diese Unternehmen sollten stärker unterstützt werden, damit aus Hidden Champions sichtbare Champions werden. Darin liegt die Selbstheilungskraft des Saarlandes.
[Frank Thomé]
Da möchte ich einhaken. Ich freue mich über jede erfolgreiche Ansiedlung und jedes Start-up, aber in den Medien entsteht oft der Eindruck, dass unser Wohlstand im Saarland nur von den Großen abhängt. Der Mittelstand steht viel seltener im Rampenlicht – dabei dominieren manche ihre Nischen weltweit. Wir müssten doch schaffen, diesen Mittelstand stärker zu vernetzen – mit Start-ups, die frische Ideen haben, und mit Forschungsinstituten, um Innovationen in Produkte zu übersetzen. Wie kann das gelingen?
[August-Wilhelm Scheer]
Zunächst einmal: Ich sehe die aktuelle Strategie in beide Richtungen als riskant. Die Großindustrie – zum Beispiel mit grünem Stahl – trägt ein enormes wirtschaftliches Risiko. Selbst als Laie kann man erkennen, dass Profitabilität dort fraglich bleibt, möglicherweise dauerhaft subventionsabhängig.
Auf der anderen Seite haben wir die Start-up-Szene – sympathisch, innovativ, aber mit hoher Ausfallquote. Viele springen gerade auf das Thema KI auf, entwickeln Anwendungen für Vertrieb, Beschaffung oder Produktion. Das geschieht weltweit zehntausendfach – nur wenige werden überleben.
Dazwischen liegt der Mittelstand – Unternehmen, die Stabilität bewiesen haben und vor dem Sprung in die nächste Größenordnung stehen. Diese müssen wir motivieren, sie untereinander und mit Start-ups vernetzen. Sie können Kooperationen eingehen, Start-ups übernehmen oder Innovationen in ihre bestehenden Strukturen integrieren.
Ebenso wichtig ist die Verbindung zur Forschung – Universitäten und Institute im Saarland haben viel zu bieten. Wir müssen diese Bereiche als ein Netzwerk verstehen – Mittelstand, Start-ups, Forschung, Politik – und strategisch zusammenführen. Dieses Netzwerkdenken fehlt mir derzeit in der Diskussion.
[Frank Thomé]
Ich glaube auch, wir brauchen alle – die großen Industrien, aber auch eine breitere wirtschaftliche Basis. So schaff en wir mehr Resilienz. Gibt es Zukunftsfelder, die Sie für das Saarland besonders sehen?
[August-Wilhelm Scheer]
Ja, ein wichtiger Punkt: Wir müssen die Entscheidungen wieder im Saarland treffen. Momentan wird die wirtschaftliche Zukunft oft woanders entschieden – in Stuttgart, Friedrichshafen, bei den Konzernzentralen. Der Mittelstand dagegen sitzt hier, ist verwurzelt und kann nicht einfach umziehen.
Diese regionale Verbundenheit ist eine Stärke. Mittelständler unterstützen auch das kulturelle Leben – Sport, Musik, Theater. Die Sponsoren kommen nicht von den Großkonzernen, sondern vom Café in St. Ingbert oder dem örtlichen Maschinenbauer.
Wenn wir dieses Potenzial besser nutzen, Begeisterung wecken und aus der Region heraus neue Impulse geben, kann das Saarland aus eigener Kraft wachsen. Das wäre meine Zukunftsvision: Aufbruch durch Selbstvertrauen und Zusammenarbeit.
[Frank Thomé]
Kommen wir noch einmal auf Ihre Person zurück. Sie sind leidenschaftlicher Jazzmusiker. Gibt es etwas, das Sie im Jazz gelernt haben, das in keinem BWL-Buch steht, aber im Geschäftsleben nützlich ist?
[August-Wilhelm Scheer]
Ja – Kreativität. In all meinen Rollen, ob Wissenschaftler, Unternehmer oder Musiker, ist Kreativität der gemeinsame Nenner. In der Wissenschaft sucht man das Neue, will Altes verbessern oder ersetzen. Genau das tut man auch als Unternehmer – man zerstört das Alte, um etwas Besseres zu schaffen.
Und im Jazz ist es ähnlich. Da geht es um Improvisation – spontan reagieren, Impulse aufnehmen, kommunizieren. Improvisation ist wie Real-Time-Komponieren: Jede Note, die man spielt, bleibt. Man kann sie nicht zurücknehmen. Aber man kann sie korrigieren – etwa, indem man gleich danach eine passende Note spielt.
Das lässt sich direkt aufs Unternehmertum übertragen: Wenn ein Produkt nicht funktioniert, schaut man links oder rechts daneben – vielleicht liegt da der Erfolg. Wir hatten mal ein digitales Lernprodukt für Universitäten entwickelt, das dort kein Interesse fand. Dann haben wir es in die berufliche Weiterbildung verlagert – mit Erfolg.
Diese Fähigkeit, sich anzupassen, wach und flexibel zu bleiben, habe ich aus der Jazzmusik in die Wirtschaft mitgenommen.
[Frank Thomé]
Dieses schnelle Reagieren – haben Sie auch Entscheidungen getroffen, die Sie heute anders treffen würden?
[August-Wilhelm Scheer]
Das interessiert mich nicht. Man kann Entscheidungen nur aus dem damaligen Zeitpunkt heraus bewerten – ob man sich gut informiert hat, ob die Alternativen vernünftig waren. Dafür ist man verantwortlich. Wenn sich später die Umstände ändern, ist das Schicksal.
[Frank Thomé]
Zum Abschluss eine Frage in die Zukunft: Welche Vision haben Sie für Ihre eigene Unternehmensgruppe? Sie vereinen drei große Unternehmen in Ihrer Holding – IDS, IMC und Scheer PAS – mit über 1.300 Mitarbeitenden. Welche Ziele verfolgen Sie?
[August-Wilhelm Scheer]
Spannend ist für uns die Internationalisierung. Besonders mit der IMC sind wir derzeit in den USA und Asien sehr erfolgreich, natürlich auch in Deutschland. Ende des Monats reise ich mit meinem Team ins Silicon Valley – wir haben dort gerade einen großen Softwareauftrag bei einem Hightech-Unternehmen gewonnen.
Es ist schon ein tolles Gefühl, wenn unsere Software in einem der zentralen Prozesse eines Weltkonzerns eingesetzt wird – in dem Land, das als Wiege des Softwareerfolgs gilt. Solche Erlebnisse motivieren und zeigen, dass unsere Arbeit auch international geschätzt wird.
[Frank Thomé]
Das sind spannende Aussichten, lieber Herr Scheer. Ich wünsche Ihnen für all Ihre Vorhaben viel Erfolg und danke herzlich für das Gespräch.
[August-Wilhelm Scheer]
Sehr gerne. Auch von mir vielen Dank.
Willkommen zu Deep Dive Wirtschaft, Trends, Technologien und Transformationen im Saarland. Mein Name ist Frank Thomé, und ich bin der Hauptgeschäftsführer der IHK des Saarlandes. Auch heute habe ich wieder einen ganz besonderen Gast in meinem Podcast. Er ist ein Pionier der Wirtschaftsinformatik, Vordenker und einer der prägenden Köpfe der deutschen Wirtschaft. Dabei vereint er viele Facetten in einer Person: Wissenschaftler, Unternehmer, Politikberater, Musiker – kurzum, ein Macher mit Sinn für Timing, Takt und Teamplay. Und bei alledem hat er einen bemerkenswert klaren Blick für das Wesentliche – die Dinge einfacher, schneller, besser zu machen.
Und genau deshalb sprechen wir heute darüber, was ihn antreibt, wo er die größten Hebel für unseren Wirtschaftsstandort sieht und welche Rolle dabei Innovation, Technologie und Unternehmergeist spielen. Ich bin sehr gespannt und freue mich auf das Gespräch mit Professor Doktor August-Wilhelm Scheer. Ganz herzlich willkommen zum Deep Dive Wirtschaft.
[August-Wilhelm Scheer]
Ja, vielen Dank. Ich bin gern hier.
[Frank Thomé]
Lieber Herr Professor Scheer, ich habe Sie gerade mit den verschiedenen Rollen in Ihrem Leben vorgestellt. Wenn Sie jetzt mal in sich hineinhören – welche dieser Rollen fühlt sich denn gerade am stärksten für Sie an?
[August-Wilhelm Scheer]
Die stärkste Rolle ist natürlich die des Unternehmers. Hier habe ich die größten Risiken – nicht nur finanzieller Art, sondern auch in Bezug auf die Verantwortung gegenüber vielen Menschen. Das beschäftigt mich beinahe Tag und Nacht, lässt mich manchmal gut schlafen, manchmal weniger gut. Aber die anderen Rollen nehme ich auch gern an, und sie beeinflussen sich gegenseitig. Alle bieten Herausforderungen, aber auch Fähigkeiten, die man jeweils gut in den anderen Rollen einsetzen kann.
[Frank Thomé]
Auf Ihre Rolle als Unternehmer werden wir gleich noch einmal etwas tiefer eingehen. Aber jetzt mal rückblickend – nach Jahrzehnten voller Erfolge: Was ist es eigentlich, was Sie noch antreibt, wenn Sie morgens aufstehen?
[August-Wilhelm Scheer]
Ich merke das gar nicht – ich brauche nicht angetrieben zu werden. Ich mache einfach das, was ich machen muss oder was ich gern tue. Natürlich gibt es im unternehmerischen Umfeld Auf- und Abbewegungen, aber im Prinzip führe ich ein aktives Leben, so wie in den letzten dreißig, vierzig Jahren. Ich sehe da keinen Bruch. Nur weil ich ein bestimmtes Alter erreicht habe, denke ich nicht darüber nach, ob ich mein Leben anders gestalten sollte. Mein Leben ist ein Kontinuum – ich tue, was ich tue.
[Frank Thomé]
1979 haben Sie das berühmte IWI – das Institut für Wirtschaftsinformatik – hier gegründet, damals noch als sogenanntes An-Institut der Universität, und Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, Wirtschaftsinformatik in Deutschland groß zu machen. Wie können wir uns die Situation von damals vorstellen? Wie viel war wissenschaftliche Vision, wie viel war auch Kampf um Anerkennung – gerade bei anderen Disziplinen der Wirtschaftswissenschaften oder der Informatik?
[August-Wilhelm Scheer]
Ich bin 1975 nach Saarbrücken gekommen, und 1979 entstand dann das Institut. Das war im Prinzip nur eine andere Bezeichnung, ich habe weiterhin dasselbe gemacht. Eine neue finanzielle Unterstützung gab es dadurch nicht. Ich habe von Anfang an versucht, Drittmittel einzuwerben – also Forschungsanträge bei Förderorganisationen zu stellen, um Ressourcen zu bekommen und größere Forschungsprojekte angehen zu können. Der Lehrstuhl selbst war von Universität und Land nicht so ausgestattet, dass man damit etwas Größeres hätte aufbauen können – das war ja ein neues Fach, und neue Fächer werden in der Regel anfangs nicht mit vielen Ressourcen versehen.
Die Anerkennung – die war zunächst eine lokale Herausforderung. Die Wirtschaftswissenschaften in Saarbrücken waren damals in Deutschland führend. Die volkswirtschaftlichen Kollegen saßen in Sachverständigenräten, die betriebswirtschaftlichen Kollegen waren Spitzenwissenschaftler. Und ich war 33 Jahre alt, als ich hierherkam. Da musste ich erst einmal sehen, wie ich hier Fuß fasse. Ich habe Bücher geschrieben – das macht man, wenn man in der Wissenschaft auf sich aufmerksam machen will. Und auch ein bisschen frech: Das erste Buch habe ich EDV-orientierte Betriebswirtschaftslehre genannt. Damals war der Begriff EDV noch gebräuchlich, nicht Informationstechnik. Ich hatte schon damals den Anspruch, dass sich das große Fachgebiet der Wirtschaftswissenschaften durch den Einfluss der Informationstechnik ändern muss.
Vieles, was ich mir damals überlegt habe, ist später tatsächlich eingetreten. Heute sind die Fächer der Betriebswirtschaftslehre – ob Rechnungswesen, Marketing, Vertrieb oder Produktion – ohne Informationstechnik gar nicht mehr vorstellbar. Diese Technologie hat das Fachgebiet, aber auch viele andere Disziplinen wie Ingenieurwissenschaften oder Medizin, total verändert.
[Frank Thomé]
Ich kann mich noch an meine eigene Zeit als Student bei Ihnen erinnern. Wir haben das Wissen damals aufgesogen, und wenn ich mich richtig erinnere, hatten Sie montagmorgens Vorlesungen – und wir waren alle da, das heißt schon was. Jetzt kann ich mich erinnern, dass in Deutschland noch recht lange – sogar bis über die Jahrtausendwende hinweg – die Grundüberzeugung herrschte, dass wir gar keine so starke IT-Branche brauchen, weil wir ja in den klassischen Industrien so stark sind. Wie haben Sie das damals empfunden?
[August-Wilhelm Scheer]
Als ich 1975 nach Saarbrücken kam, gab es in Deutschland vielleicht zehn bis fünfzehn Unternehmen, die Computer bauten – also richtige Hardwarehersteller. Siemens gehörte dazu, Philips, Triumph und einige andere. Dieses ganze Gebiet ist aus Deutschland verschwunden. Was wir gerettet haben, ist die betriebswirtschaftlich orientierte Anwendungssoftware – und die wird durch SAP repräsentiert.
Warum das so war, lag nicht daran, dass die Betriebswirtschaftslehre in Deutschland besonders stark ausgebildet war. Keiner der SAP-Gründer war Betriebswirt – das waren ein Mathematiker, ein Physiker, ein Elektrotechniker, ein Ingenieur. Das war genau der richtige Ansatz: Nicht schulmäßig nachmachen, was für eine andere Zeit gedacht war, sondern die Probleme durch Informationstechnik neugestalten.
Der zentrale Unterschied war der Prozessgedanke. Ein Prozess ist eine Abfolge von Funktionen, um ein Ergebnis zu erzeugen – also nicht eine einzelne Funktion, sondern eine Abfolge, die im Zusammenhang gesehen wird. Das war das Neue, was SAP – ich will nicht sagen erfunden, aber durch den engen Kundenkontakt entwickelt hat.
Im Zentrum dieses Ansatzes steht die Idee einer einheitlichen Datenbasis. Vorher gab es Software für einzelne betriebswirtschaftliche Funktionen – Rechnungswesen, Produktion, Vertrieb, Einkauf. Jede hatte ihre eigene Datenversorgung. Aber die Prozesse eines Unternehmens durchlaufen diese Funktionen. Ein Kundenauftrag muss produziert werden, eventuell werden Fremdprodukte eingekauft. Diese Verbindung von Vertrieb, Produktion und Beschaffung – das war der neue Gedanke: Prozesse statt isolierter Funktionen.
Daraus folgt: Wenn die Daten in verschiedenen Funktionssystemen mehrfach gespeichert werden, entstehen Inkonsistenzen. Also braucht man eine zentrale, einheitliche Datenbasis. Das ist die treibende Idee der Softwarestruktur, wie sie SAP und andere ERP-Systeme verkörpern. Und genau diese Idee hat mich angezogen.
[Frank Thomé]
Sie haben SAP genannt – das ist ja eine absolute Erfolgsgeschichte, genau durch die von Ihnen beschriebenen Aspekte. Aber im Grunde haben wir darüber hinaus kaum ein Gegengewicht zu den amerikanischen Hyperscalern wie Meta, Google, Amazon oder Microsoft. Woran liegt das?
[August-Wilhelm Scheer]
Die Namen, die Sie genannt haben, sind alle im B2C-Bereich aktiv – also Business to Consumer. SAP dagegen ist im B2B-Bereich tätig, also zwischen Unternehmen. Und das ist der Graben, der entstanden ist: Wir beherrschen die komplexen Prozesse, die innerhalb und zwischen Unternehmen stattfinden, sehr gut. Aber die starke Kundenorientierung hin zum Konsumenten haben wir in Deutschland nicht im Griff.
Das ist ein Vorteil des amerikanischen Denkens – sehr stark kundenorientiert, sehr stark auf den Konsumenten ausgerichtet zu sein. Das haben die Amerikaner perfektioniert. Und das können wir sicher nicht mehr aufholen, weil die Ressourcen dort mittlerweile über mehrere Innovationswellen hinweg gewachsen sind: von der frühen IT über Cloud-Technologien bis zur aktuellen Entwicklung der künstlichen Intelligenz – und immer mit dem Endanwender im Fokus.
[Frank Thomé]
Ich würde jetzt gerne ein Schlaglicht auf Ihre unternehmerische Perspektive werfen. Der Schritt, als Professor ein Unternehmen zu gründen – mit allen Verpflichtungen und Lehrverpflichtungen – war sicher nicht einfach. Und ich kann mir vorstellen, dass es auch Kritiker gab. Haben Sie damals Gegenwind gespürt?
[August-Wilhelm Scheer]
Wenn ich über eine besondere Eigenschaft verfüge, dann vielleicht über die, dass ich ganz gut Prioritäten setzen und auch loslassen kann. Ich kann gut delegieren – und so konnte ich diese unterschiedlichen Rollen parallel ausfüllen. Ich hätte meine Rolle als Universitätsprofessor ja auch aufgeben und mich ganz ins Unternehmerische begeben können. Das habe ich aber nicht getan, weil ich es spannend fand, beides zu verbinden:
Einerseits konnte ich aus unternehmerischer Sicht beurteilen, was in der Wissenschaft passiert – ob man dort im Elfenbeinturm sitzt oder ob die Entwicklungen nur ihrer Zeit voraus sind, aber später eine praktische Anwendungsnähe haben. Andererseits konnte ich aus der Wissenschaft heraus erkennen, was wohl die nächste Welle sein könnte, die später in der Praxis Akzeptanz findet.
Auch die Studierenden fanden es, glaube ich, gut, dass ich neben dem theoretischen Wissen auch Geschichten erzählen konnte – über die praktische Umsetzung von Ideen und die Zusammenarbeit mit Unternehmen. Ich denke, das war für alle meine Rollen – wissenschaftlich, unternehmerisch und lehrend – sehr fruchtbar.
[Frank Thomé]
Das fand ich damals selbst als Student bemerkenswert. Sie sagten oft: „Die theoretischen Aspekte können Sie in meinen Büchern nachlesen“, und dann erzählten Sie aus der Praxis. Das war faszinierend. Wenn Sie heute zurückblicken: Was waren Ihre mutigsten Entscheidungen? Gab es Momente, die Ihnen schlaflose Nächte bereitet haben?
[August-Wilhelm Scheer]
Die hören ja nicht auf – das gehört zum Unternehmerleben. Man hat den Kopf immer ein Stück weit in der Schlinge. Gegenwind bekam ich auch, vor allem auf der direkten Kollegenebene. Ob da Neid eine Rolle spielte oder Unmut darüber, dass ich nicht an jeder Fakultätssitzung teilnahm – mag sein. Ich war der Meinung, dass ich dort nicht immer etwas beitragen konnte, um die Entscheidungen besser zu machen.
Aber je höher ich in der Hierarchie kam, desto mehr Unterstützung bekam ich. Die Universitätspräsidenten – auch die Präsidentin später – haben mich unterstützt, weil ich der Universität kein schlechtes, sondern eher ein positives Außenimage gegeben habe. Auch in der Politik habe ich im Saarland viel Unterstützung erfahren – keine finanzielle, aber ideelle. Ich wurde als Berater akzeptiert und gern angefragt.
Natürlich hat es mich manchmal geärgert, wenn Kollegen ans Ministerium schrieben, um prüfen zu lassen, ob das, was ich tue, mit dem Universitätsgesetz vereinbar sei. Aber das ist Schnee von gestern. Das Verhältnis zwischen Universität und der Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis hat sich glücklicherweise verbessert. Heute sieht man Unternehmensgründungen aus dem akademischen Umfeld positiv.
Man spricht vom „dritten Weg“ der Universitäten – neben Forschung und Lehre auch der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Und da fühle ich mich wohl. Meine Unternehmen sitzen direkt am Campus auf Universitätsgrund, wir arbeiten eng mit der Hochschule zusammen, auch über ein gemeinnütziges Forschungsinstitut.
Und jetzt ehrt mich die Universität am 17. Oktober dafür, dass ich seit 50 Jahren die Wirtschaftsinformatik hier erfolgreich vorangetrieben habe. Das berührt mich sehr und zeigt mir, dass meine Entscheidung, damals nach Saarbrücken zu kommen, goldrichtig war.
[Frank Thomé]
Wenn man Ihren Werdegang von außen betrachtet, sieht es aus, als könnten Sie alles zu Gold machen. Aber gab es auch Dinge, die nicht geklappt haben – Misserfolge, die man von außen nicht sieht?
[August-Wilhelm Scheer]
Scheitern würde ich es nicht nennen – eher anpassen. Es gibt kein Geschäftsmodell, das am Ende genau so umgesetzt wird, wie man es anfangs geplant hat. Unternehmertum bedeutet Lernfähigkeit, iteratives Vorgehen. Man probiert etwas, merkt, dass es nicht funktioniert, gibt aber nicht auf, sondern entdeckt oft direkt daneben den richtigen Weg.
Ich sage gern: Kolumbus wollte den Seeweg nach Indien finden und landete in Amerika – er hat also etwas ganz anderes entdeckt. Entscheidend war, dass er überhaupt losgefahren ist.
So war es auch bei uns. Viele unserer Produktideen oder Gründungen liefen später in eine andere Richtung als geplant – und das ist völlig normal. Selbst SAPs R/3-System war ursprünglich für den Mittelstand und auf IBM-Plattformen gedacht – am Ende wurde es ein System für Großunternehmen auf Unix- und SQL-Basis.
Das zeigt: Erfolgreiches Unternehmertum braucht Anpassungsfähigkeit. Auch Amazon ist so ein Beispiel – angefangen mit dem Verkauf von Büchern und CDs, heute einer der größten Cloud-Anbieter der Welt. Diese Fähigkeit, sich anzupassen und weiterzuentwickeln, macht Unternehmertum aus. In Deutschland bleiben viele Unternehmen zu lange beim alten Modell, bis es nicht mehr funktioniert – und dann ist es zu spät.
[Frank Thomé]
Anpassungsfähigkeit ist also entscheidend. Wenn wir auf viele aktuelle Start-ups schauen, sehen wir aber, dass ihnen oft die Luft ausgeht, sie an der Skalierung scheitern. Was unterscheidet in Ihren Augen Unternehmen, die groß werden, von denen, die klein bleiben?
[August-Wilhelm Scheer]
Erstens natürlich der Unternehmer selbst – also das Team, das das Unternehmen gründet und führt. Die Zusammensetzung ist entscheidend: unterschiedliche Charaktere, gemeinsamer Wille, Durchhaltevermögen. In jungen Jahren passiert viel – Familie, Partnerschaft, neue Lebensphasen. Wenn im Gründerteam zwei jedes Wochenende arbeiten wollen und drei lieber mehr Zeit mit der Familie verbringen, entstehen Konflikte. Solche banalen Dinge können ein eigentlich erfolgreiches Unternehmen in Schwierigkeiten bringen.
Es gibt viele Gründe, warum Firmen klein bleiben. Eine wichtige Frage ist auch: Will man überhaupt wachsen? Viele sind mit einem mittelgroßen Unternehmen – sagen wir 80 bis 100 Mitarbeitenden – zufrieden. Man kann gut leben, sich etwas leisten, hat Zeit für anderes. Wer aber international aktiv sein und eine größere Rolle spielen will, muss enormen Einsatz bringen – oft auf Kosten von Gesundheit oder Familie. Das muss jeder für sich entscheiden.
[Frank Thomé]
Ich kann mir vorstellen, dass viele Gründerinnen und Gründer immer wieder auch zu Ihnen kommen und Sie viele Gespräche führen. Gibt es eine unbequeme Wahrheit, die Sie jungen Gründerinnen und Gründern immer wieder sagen müssen?
[August-Wilhelm Scheer]
Ja, der Hauptgrund, warum Start-ups scheitern, ist: Sie finden keine Kunden. Viele glauben, sie hätten eine großartige Idee – entwickelt in der Diplomarbeit – und die ganze Welt warte nur darauf. Dann sind sie enttäuscht, dass sie keinen oder nur wenige Kunden gewinnen.
Das setzt sich auch bei der Internationalisierung fort. Wenn der Markt nicht auf ein Produkt wartet, stößt man auf Widerstand. Man muss also lernen, vor dem Markt zu sein – aber nicht zu weit davor. Wenn es das Produkt schon gibt, braucht es kein neues Unternehmen; ist man aber zu früh dran, versteht der Markt die Idee noch nicht.
Man muss die ersten Kunden selbst überzeugen. Ich erinnere mich noch an die Namen der Mitarbeiter bei unseren ersten Kunden – die waren praktisch Teil unseres Entwicklungsteams. Sie dachten wie wir, sie riefen morgens um halb acht an, wenn sie Fehler im Programm gefunden oder neue Funktionen wollten. Das sind die innovativen Kunden, die man am Anfang braucht. Aber sie allein machen noch keinen Markt. Es ist eine Kunst, die Idee zu verbreiten und daraus einen tragfähigen Markt zu entwickeln – und das hängt auch immer ein bisschen vom Glück ab.
[Frank Thomé]
Ja, Glück – aber auch Unternehmergeist. Ich habe oft den Eindruck, dass die Lust auf Unternehmertum und Selbstständigkeit zurückgeht, dass bei vielen jungen Menschen eine gewisse Versorgungsmentalität Einzug hält. Und auch gesellschaftlich ist das Bild des Unternehmers oft negativ konnotiert. In der sogenannten Zöbis-Studie von 2024 wurde in Schulbüchern gezeigt, dass Unternehmer häufig g als profitorientiert und steuervermeidend dargestellt werden. Wie können wir diese Wahrnehmung wieder drehen und Lust auf Unternehmertum wecken?
[August-Wilhelm Scheer]
Lust auf Unternehmertum heißt Lust auf ein selbstbestimmtes Leben – darauf, seine Fähigkeiten voll einzusetzen, Kreativität und Energie auszuschöpfen und Verantwortung zu übernehmen. Das kann man nicht von jedem erwarten. Aber wer sich davon angesprochen fühlt, dem kann ich nur raten: Gehen Sie diesen Weg. Es ist ein tolles Leben.
Diese Selbstbestimmung ist für mich das Wichtigste. Dass das Image in Deutschland so negativ ist, ist ein typisch deutsches Problem. In den USA sind Unternehmensgründer Popstars. Die Garage, in der die Stanford-Studenten Hewlett und Packard mit ihrem Professor ihr Unternehmen gründeten, ist heute ein National Monument.
Auch Deutschland hatte solche Unternehmer: Daimler, Siemens, Bosch – Namen, die für Qualität und Innovation stehen. Natürlich hatten auch sie menschliche Schwächen, wie jeder. Aber sie haben Wohlstand geschaffen und das Leben vieler Menschen verbessert.
Das negative Unternehmerbild kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf – vielleicht auch, weil im Dritten Reich manche Unternehmer schlechte Beispiele lieferten. Davor, in der Gründerzeit des 19. Jahrhunderts, war Unternehmertum positiv besetzt.
[Frank Thomé]
Ein starkes Plädoyer für Unternehmertum – und zugleich ein Denkanstoß. Sie haben auch immer wieder klare wirtschaftspolitische Impulse gesetzt. Wenn Sie auf den Standort Deutschland schauen – was ist aktuell die größte Gefahr: Überregulierung oder mangelnde Investitionsbereitschaft?
[August-Wilhelm Scheer]
Beides, aber die Überregulierung ist das sichtbarste Problem – das wissen inzwischen alle. Es geht beim Datenschutz los und zieht sich durch alle Verordnungen. Sobald
irgendwo „Schutz“ im Begriff steht, muss man vorsichtig sein – man weiß oft gar nicht mehr, wer da eigentlich geschützt wird.
Bleiben wir beim Datenschutz: Mit dieser Haltung werden wir in der KI-Welt nie vorne mitspielen. Uns fehlt außerdem die technische Infrastruktur. In der aktuellen KI-Welle verdienen vor allem die Infrastrukturunternehmen – die Chiphersteller wie Nvidia, die innerhalb kurzer Zeit zu den wertvollsten Unternehmen der Welt aufgestiegen sind, weil sie skalieren können.
Diese Chips werden in riesigen Serverparks gebündelt – dort entsteht enorme Rechenleistung. Auch hier liegen die Amerikaner weit vor Europa. Darauf bauen dann die sogenannten Fundamentalmodelle der KI auf – sie sind die Basis, auf der später konkrete Anwendungen entstehen: KI im Vertrieb, in der Produktion, in der Entwicklung, in der Fertigung.
Das Problem ist: In Deutschland können wir meist nur auf der Anwendungsebene mitspielen, aber nicht bei der Infrastruktur. Und diese Anwendungsbereiche skalieren kaum. Sie sind kleinteilig, mit geringen Renditen – während die Infrastrukturunternehmen Umsatzrenditen von 30 oder 40 Prozent erzielen. In den Nischenanwendungen bleiben vielleicht einstellige Renditen. Das sind Welten.
Wir müssen uns also sehr genau überlegen, wie wir daraus dennoch Vorteile ziehen können – sonst bleiben wir weit zurück.
[Frank Thomé]
Im Endeffekt geht es also um Zukunftsfähigkeit. Ich bin in der Vorbereitung auf ein älteres Zitat von Ihnen gestoßen – aus der FAZ von 2011. Da sagten Sie: „Wir brauchen weniger Villa Hügel und mehr Silicon Valley.“ Was muss passieren, damit wir kein Industriemuseum werden?
[August-Wilhelm Scheer]
Ja, das war die Überschrift in der FAZ, und sie trifft es ganz gut. Wir haben uns zu lange auf den Erfolgen des 20. Jahrhunderts ausgeruht – im Maschinenbau, in der Automobilindustrie – und die neuen Technologien, vor allem die Informationstechnik, zu wenig beachtet.
IT kann man nicht anfassen, sie passt nicht ins ingenieurmäßige Denken. Dadurch wurde sie in vielen erfolgreichen Industrieunternehmen nicht als eigenständiges Produkt gesehen. Software galt nicht als werthaltig, sie wurde teilweise kostenlos mitgegeben – während das, was man physisch anfassen konnte, als seriös galt.
Das ändert sich nun langsam. Manche Maschinenbauer haben IT-Tochterunternehmen gegründet – nicht immer erfolgreich, weil sie eine andere Kultur und andere Produkte haben. Aber Schritt für Schritt wird klar: Autos sind rollende Computer, Maschinen funktionieren ohne IT nicht mehr.
Das ist ein kultureller Wandel, der in den Unternehmen stattfinden muss.
[Frank Thomé]
Richten wir den Blick jetzt auf den Wandel im Saarland. Sie kennen das Saarland so gut wie kaum ein anderer. Ist das Saarland ein unterschätzter Standort, oder sind manche Schwächen einfach selbst verschuldet?
[August-Wilhelm Scheer]
Ich möchte gar nicht über Schwächen reden, sondern finde, dass das Saarland seine Stärken nicht richtig nach vorne bringt. Ich arbeite hier mit Mitarbeitenden zusammen, die seit Jahrzehnten bei mir sind – meine Sekretärin zum Beispiel seit über vierzig Jahren. Solche langjährigen Beziehungen sind außerhalb des Saarlandes kaum noch vorstellbar.
Wir haben hier Hidden Champions, Unternehmer in der Kultur, tolle Musikfestivals – ob Open-Air, Klassik oder Jazz. Wir haben einen Fußballclub, der auf unternehmerischer Leistung basiert. Es gibt also einen starken Spirit. Aber er wird überdeckt durch eine zu starke Politiklastigkeit.
Wir haben eine enge Verflechtung von Großindustrie und Politik. Man sieht das auch in der Besetzung der höchsten Positionen. Man mag hier eher große, mitbestimmte Unternehmen, aber weniger die klassischen Unternehmer. Das ist das größte Problem: Die unternehmerischen Fähigkeiten sind da, aber sie bekommen nicht genug Gehör oder Raum.
Dazu kommt: Man setzt stark auf Ansiedlungen großer Unternehmen – oft durch finanzielle Anreize. Aber wer nur wegen des Geldes kommt, geht auch wieder, sobald es woanders günstiger ist. Gleichzeitig fördert man Start-ups, was ich grundsätzlich begrüße – ich bin ja selbst Gründer. Aber man darf nicht vergessen: Die Ausfallquote bei Start-ups ist sehr hoch.
Das eigentliche Potenzial liegt dazwischen – im Mittelstand, bei den Hidden Champions, die bewiesen haben, dass sie stabil sind. Diese Unternehmen sollten stärker unterstützt werden, damit aus Hidden Champions sichtbare Champions werden. Darin liegt die Selbstheilungskraft des Saarlandes.
[Frank Thomé]
Da möchte ich einhaken. Ich freue mich über jede erfolgreiche Ansiedlung und jedes Start-up, aber in den Medien entsteht oft der Eindruck, dass unser Wohlstand im Saarland nur von den Großen abhängt. Der Mittelstand steht viel seltener im Rampenlicht – dabei dominieren manche ihre Nischen weltweit. Wir müssten doch schaffen, diesen Mittelstand stärker zu vernetzen – mit Start-ups, die frische Ideen haben, und mit Forschungsinstituten, um Innovationen in Produkte zu übersetzen. Wie kann das gelingen?
[August-Wilhelm Scheer]
Zunächst einmal: Ich sehe die aktuelle Strategie in beide Richtungen als riskant. Die Großindustrie – zum Beispiel mit grünem Stahl – trägt ein enormes wirtschaftliches Risiko. Selbst als Laie kann man erkennen, dass Profitabilität dort fraglich bleibt, möglicherweise dauerhaft subventionsabhängig.
Auf der anderen Seite haben wir die Start-up-Szene – sympathisch, innovativ, aber mit hoher Ausfallquote. Viele springen gerade auf das Thema KI auf, entwickeln Anwendungen für Vertrieb, Beschaffung oder Produktion. Das geschieht weltweit zehntausendfach – nur wenige werden überleben.
Dazwischen liegt der Mittelstand – Unternehmen, die Stabilität bewiesen haben und vor dem Sprung in die nächste Größenordnung stehen. Diese müssen wir motivieren, sie untereinander und mit Start-ups vernetzen. Sie können Kooperationen eingehen, Start-ups übernehmen oder Innovationen in ihre bestehenden Strukturen integrieren.
Ebenso wichtig ist die Verbindung zur Forschung – Universitäten und Institute im Saarland haben viel zu bieten. Wir müssen diese Bereiche als ein Netzwerk verstehen – Mittelstand, Start-ups, Forschung, Politik – und strategisch zusammenführen. Dieses Netzwerkdenken fehlt mir derzeit in der Diskussion.
[Frank Thomé]
Ich glaube auch, wir brauchen alle – die großen Industrien, aber auch eine breitere wirtschaftliche Basis. So schaff en wir mehr Resilienz. Gibt es Zukunftsfelder, die Sie für das Saarland besonders sehen?
[August-Wilhelm Scheer]
Ja, ein wichtiger Punkt: Wir müssen die Entscheidungen wieder im Saarland treffen. Momentan wird die wirtschaftliche Zukunft oft woanders entschieden – in Stuttgart, Friedrichshafen, bei den Konzernzentralen. Der Mittelstand dagegen sitzt hier, ist verwurzelt und kann nicht einfach umziehen.
Diese regionale Verbundenheit ist eine Stärke. Mittelständler unterstützen auch das kulturelle Leben – Sport, Musik, Theater. Die Sponsoren kommen nicht von den Großkonzernen, sondern vom Café in St. Ingbert oder dem örtlichen Maschinenbauer.
Wenn wir dieses Potenzial besser nutzen, Begeisterung wecken und aus der Region heraus neue Impulse geben, kann das Saarland aus eigener Kraft wachsen. Das wäre meine Zukunftsvision: Aufbruch durch Selbstvertrauen und Zusammenarbeit.
[Frank Thomé]
Kommen wir noch einmal auf Ihre Person zurück. Sie sind leidenschaftlicher Jazzmusiker. Gibt es etwas, das Sie im Jazz gelernt haben, das in keinem BWL-Buch steht, aber im Geschäftsleben nützlich ist?
[August-Wilhelm Scheer]
Ja – Kreativität. In all meinen Rollen, ob Wissenschaftler, Unternehmer oder Musiker, ist Kreativität der gemeinsame Nenner. In der Wissenschaft sucht man das Neue, will Altes verbessern oder ersetzen. Genau das tut man auch als Unternehmer – man zerstört das Alte, um etwas Besseres zu schaffen.
Und im Jazz ist es ähnlich. Da geht es um Improvisation – spontan reagieren, Impulse aufnehmen, kommunizieren. Improvisation ist wie Real-Time-Komponieren: Jede Note, die man spielt, bleibt. Man kann sie nicht zurücknehmen. Aber man kann sie korrigieren – etwa, indem man gleich danach eine passende Note spielt.
Das lässt sich direkt aufs Unternehmertum übertragen: Wenn ein Produkt nicht funktioniert, schaut man links oder rechts daneben – vielleicht liegt da der Erfolg. Wir hatten mal ein digitales Lernprodukt für Universitäten entwickelt, das dort kein Interesse fand. Dann haben wir es in die berufliche Weiterbildung verlagert – mit Erfolg.
Diese Fähigkeit, sich anzupassen, wach und flexibel zu bleiben, habe ich aus der Jazzmusik in die Wirtschaft mitgenommen.
[Frank Thomé]
Dieses schnelle Reagieren – haben Sie auch Entscheidungen getroffen, die Sie heute anders treffen würden?
[August-Wilhelm Scheer]
Das interessiert mich nicht. Man kann Entscheidungen nur aus dem damaligen Zeitpunkt heraus bewerten – ob man sich gut informiert hat, ob die Alternativen vernünftig waren. Dafür ist man verantwortlich. Wenn sich später die Umstände ändern, ist das Schicksal.
[Frank Thomé]
Zum Abschluss eine Frage in die Zukunft: Welche Vision haben Sie für Ihre eigene Unternehmensgruppe? Sie vereinen drei große Unternehmen in Ihrer Holding – IDS, IMC und Scheer PAS – mit über 1.300 Mitarbeitenden. Welche Ziele verfolgen Sie?
[August-Wilhelm Scheer]
Spannend ist für uns die Internationalisierung. Besonders mit der IMC sind wir derzeit in den USA und Asien sehr erfolgreich, natürlich auch in Deutschland. Ende des Monats reise ich mit meinem Team ins Silicon Valley – wir haben dort gerade einen großen Softwareauftrag bei einem Hightech-Unternehmen gewonnen.
Es ist schon ein tolles Gefühl, wenn unsere Software in einem der zentralen Prozesse eines Weltkonzerns eingesetzt wird – in dem Land, das als Wiege des Softwareerfolgs gilt. Solche Erlebnisse motivieren und zeigen, dass unsere Arbeit auch international geschätzt wird.
[Frank Thomé]
Das sind spannende Aussichten, lieber Herr Scheer. Ich wünsche Ihnen für all Ihre Vorhaben viel Erfolg und danke herzlich für das Gespräch.
[August-Wilhelm Scheer]
Sehr gerne. Auch von mir vielen Dank.