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Ausbildung ist Gemeinschaftsaufgabe!Auch die Gewerkschaften müssen mit machen

Von Volker Giersch
Kommentar

01.03.2006

Bald ist es wieder soweit: Dann wird – wie in jedem Frühjahr – eine kontroverse Diskussion über die Lage und Perspektiven auf dem deutschen Ausbildungsmarkt entbrennen. Sobald die ersten Zahlen vorliegen, werden die Gewerkschaften die Diskussion mit lauten Kassandra-Rufen eröffnen, ein Katastrophen-Szenario zeichnen und als einzig Heil bringendes Mittel die Einführung einer Ausbildungsplatzabgabe fordern. Die Partner des Ausbildungspakts werden – völlig zu Recht – auf die begrenzte Aussagefähigkeit der Zahlen, auf die bisherigen Erfolge und auf die laufenden Initiativen verweisen.

Die alljährlichen Attacken der Arbeitnehmerorganisationen sind nicht nur überflüssig. Sie schaden überdies dem gemeinsamen Anliegen. Sie verunsichern die Jugendlichen und schüren Konflikte, wo Kooperation dringend nötig wäre. Die berufliche Ausbildung ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Bestmögliche Ergebnisse sind nur zu erreichen, wenn sich auch die Gewerkschaften konstruktiv einbringen.

Falsches Rollenverständnis

Bislang tun sie das nicht. Anders als die Wirtschaftsorganisationen, die Arbeitsagenturen und die Regierungen auf Bundes- und Länderebene, die engagiert und erfolgreich im Pakt für Ausbildung zusammenwirken, verweigern sie sich bislang der Kooperation. Sie verhalten sich wie Zuschauer am Spielfeldrand, obwohl sie de facto eine Schlüsselrolle im Spielgeschehen einnehmen:

  • Als Tarifpartner sind sie maßgeblich verantwortlich für die relativ hohen Ausbildungsvergütungen. Diese erweisen sich ebenso als Ausbildungshemmnis wie tarifvertragliche Verpflichtungen, die Jugendlichen nach der Ausbildung in eine feste Beschäftigung zu übernehmen.
  • Als Mitverantwortliche für die Entwicklung neuer Berufsbilder blockieren sie seit Jahren schon Ausbildungsgänge mit reduzierten Theorieanforderungen. Theorie schwache Jugendliche haben deshalb zur Zeit kaum Chancen auf eine reguläre betriebliche Ausbildung.
  • Schließlich sind sie mit ihrer Lohnpolitik ganz entscheidend für die Beschäftigung verantwortlich. Wenn Arbeitsplätze infolge überhöhter Lohnabschlüsse abgebaut werden müssen, dann reduziert sich zugleich der Nachwuchsbedarf und mithin auch das Angebot an Ausbildungsplätzen. Die Ausbildung folgt der Beschäftigung.
Eine Organisation, die die Marktbedingungen so entscheidend mit gestaltet, trägt nolens volens auch ein hohes Maß an Ergebnisverantwortung. Die Gewerkschaften sollten sich dazu bekennen und entsprechend handeln. Der Appell an sie heißt: Raus aus der Fundamentalopposition, rein in den Ausbildungspakt. Nur gemeinsam – mit einem dem Gesamtinteresse verpflichteten Engagement auch der Gewerkschaften – lassen sich die Herausforderungen auf dem Ausbildungsmarkt erfolgreich meistern.

Rahmenbedingungen verbessern

Dieses Engagement wäre dringend nötig: Denn die Lage auf dem Ausbildungsmarkt wird noch mindestens bis Ende des Jahrzehnts schwierig und angespannt sein. Bis dahin bleibt die Zahl der jungen Menschen, die die Schulen verlassen, unvermindert hoch. Der höchste Stand wird im Jahre 2009 erreicht, wenn – infolge von G 8 – zwei Abiturjahrgänge gleichzeitig ihren Einstieg in Ausbildung oder Studium suchen. Erst danach wird die Demografie Entlastung bringen. Dann werden Jugendliche auf dem Ausbildungsmarkt rasch knapp werden. Und dann wird sich der Mangel an qualifizierten Fachkräften empfindlich verschärfen. Wenn der absehbare Jugendschwund nicht zur Wachstumsbremse werden soll, müssen wir heute schon vorsorgen.

Damit diese Vorsorge gelingen kann, müssen wir verstärkt auf die Mechanismen des Marktes setzen. Denn auch in der beruflichen Ausbildung kann das Marktergebnis immer nur so gut sein, wie es die Rahmenbedingungen zulassen. Leider sind diese in vielerlei Hinsicht unzureichend. Es ist höchste Zeit, sie endlich zu verbessern. Veränderung ist auch und gerade dort nötig, wo die Gewerkschaften mitgestalten:

Flexible Ausbildungsvergütungen

Bei der Festlegung der Ausbildungsvergütungen brauchen wir möglichst rasch flexible Lösungen. Leider wurde die Chance vertan, bei der Reform des Berufsbildungsgesetzes den gesetzlichen Rahmen dafür zu schaffen. Umso wichtiger ist es jetzt, in der Tarifpolitik zu ausbildungsfreundlicheren Vereinbarungen zu kommen. So könnte etwa jenen Unternehmen, die über Bedarf ausbilden und zusätzliche Ausbildungsplätze bereitstellen, die Möglichkeit eingeräumt werden, die Ausbildungsvergütungen befristet zu senken. In die richtige Richtung weist auch die Vereinbarung in der Chemieindustrie, die ein Einfrieren der Ausbildungsvergütungen vorsieht, um eine Ausweitung des Ausbildungsangebotes zu ermöglichen.

Ausbildung vor Übernahme

Nötig ist zudem die konsequente Umsetzung der Maxime: „ Ausbildung vor Übernahme“. Am besten wäre es, die tarifvertraglich festgelegten Übernahmeverpflichtungen so lange außer Kraft zu setzen, bis ein auch aus Gewerkschaftssicht befriedigendes Ausbildungsangebot erreicht ist. Zumindest aber ist eine deutliche Lockerung der entsprechenden Regelungen erforderlich.

Mehr Berufsbilder für praktisch Begabte

Für die große Zahl von Jugendlichen, die in den vorhandenen Berufen keine Chance haben, eine Ausbildung erfolgreich zu durchlaufen, brauchen wir endlich Berufsbilder mit eher praktischen Profil. Sie sollten – nach einer zweijährigen Lernphase, die praxisorientiert und Theorie entfrachtet ist – mit einem qualifizierten Abschluss enden. In Abstimmung mit dem Betrieb sollen die Jugendlichen danach die Möglichkeit haben, ein weiteres Lehrjahr mit einem höheren theoretischen Anforderungsniveau anzuschließen und so den Abschluss in einem klassischen Ausbildungsberuf zu erreichen. Das gibt auch „ Spätzündern“ volle Chancen.

Ausbildungsreife verbessern

Eine zentrale bildungspolitische Aufgabe muss es bleiben, die Ausbildungsreife der Jugendlichen weiter zu verbessern. Nach wie vor sind zu viele Jugendliche nicht ausbildungsreif. Nach Einschätzung unserer IHK ist jeder siebte Jugendliche heute nicht in der Lage, eine berufliche Ausbildung erfolgreich abzuschließen. Es mangelt vielfach nicht nur an den grundlegenden Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch an sozialer Kompetenz.

Erfreulich ist zwar, dass die PISA-Ergebnisse leicht nach oben zeigen und die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss rückläufig ist. Dieser Fortschritt reicht aber bei weitem nicht. Die Qualitätsoffensive an unseren Schulen muss forciert fortgesetzt werden. Die Stichworte heißen: drittes Kindergartenjahr zum Vorschuljahr entwickeln, frühere Einschulung, mehr Unterrichtstunden in der Grundschule, Schüler durch mehr Ganztagsangebote stärker fördern und fordern, mehr Freiraum für die Schulen, mehr Wettbewerb zwischen ihnen.

All dies ist wichtig und nötig. Es ist aber nicht hinreichend. Hinzu kommen müssen Reformen, die die Wachstums- und Beschäftigungsdynamik in unserem Land deutlich vergrößern. Denn letzten Endes bleibt eine wachstumsfreundliche Wirtschafts- und Tarifpolitik die mit Abstand wirksamste Politik für mehr Ausbildungsplätze. Auch hierzu können die Gewerkschaften konstruktiv beitragen.